Unterhaltsame Physik oder Eine Explosion auf dem Campus

Die Physik-Studenten der Universität Bonn sind in der Lage, wissenschaftliche Gesetze in „menschlicher“ Sprache zu erklären. Jedes Jahr führen sie im Hörsaal ihres Instituts eine explosive Show für ein breites Publikum auf.

Wer von uns hatte nicht schon einmal die glorreiche Idee, im Chemieraum der Schule eine kleine Explosion zu veranstalten? Oder heimlich diese faszinierende farbige Flüssigkeit aus dem verschlossenen Gläschen mit diesem seltsamen Pulver zu mischen? Studenten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn realisieren erfolgreich diese Wünsche - mit friedlichem Ergebnis. Das Wintersemester wird hier traditionell mit einer bunten Physik-Show eröffnet. Spektakuläre Experimente und Zaubertricks, gefolgt von Erläuterungen, sind das Markenzeichen des Physikalischen Instituts der Universität. Vorstellungen in diesem Maßstab gibt es in keiner anderen Bildungseinrichtung in Deutschland.

20th Century Physics proudly presents …

Die Show ist ausgebucht. In den ersten Reihen sitzen aufgeregt und in freudiger Erwartung neugierige Kinder, weiter hinten nicht weniger aufgeregte Eltern. „Bitte schalten Sie Ihre Handys aus. Andernfalls können diese während unserer Experimente versehentlich beschädigt werden“, kommt eine Durchsage von der Bühne. Sieh an, Physiker können scherzen!

Das Licht geht aus. Auf der großen Leinwand erscheinen Szenen einer Verfolgungsjagd. Ein James-Bond-Doppelgänger verfolgt einen jungen Mann mit einer Baseball-Kappe quer durch Bonn. Plötzlich rennt das Paar in den Hörsaal hinein, und schon läuft die Verfolgungsjagd quer durch die Zuschauerreihen.

Das Thema der heutigen Show: ein Tag im Fernsehstudio. Jedoch basieren die Drehaufnahmen hier auf wissenschaftlichen Methoden. James Bond tauscht seinen Aston Martin gegen ein Fahrrad, das sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt. Und um ein Remake des in Deutschland sehr populären „Dinner for One“ zu produzieren, werden vier berühmte Physiker der Vergangenheit eingeladen, von denen jeder sein Wissen mit dem Publikum teilen möchte. Heinrich Hertz erklärt zum Beispiel, mit welcher Frequenz ein Weinglas beschallt werden muss, damit es zerspringt. Bei diesem Experiment müssen weitere Hilfsmittel eingesetzt werden.

Die Moderatoren einer Kochsendung lassen Mehl explodieren, stellen Eiscreme mit Hilfe von flüssigem Stickstoff her und zeigen, wie man nach physikalischen Gesetzen Pfannkuchen direkt auf der Herdplatte backen kann. „Dafür braucht man einen Induktionsherd und einen Kochtopf. Der Teig wird direkt auf dem Herd verteilt, der Kochtopf auf den Teig gesetzt. Zwischen der Herdplatte und dem Topf entsteht ein Magnetfeld, dessen Energie in Wärme umgewandelt wird. So wird der Pfannkuchen gegart“, erklärt der Gast der Kochsendung, Student Dustin Hebecker. Die Kinder sind begeistert.

Äußerlich Physiker, im Inneren Lyriker

Die Idee, diese außergewöhnliche Show an der Uni Bonn auszurichten, brachte der Physik-Professor Herbert Dreiner aus den USA mit. An der amerikanischen Universität wurden ähnliche Aktionen von Lehrkörpern ausgerichtet. „Unsere Studenten planen die Show und bereiten diese selbständig vor“, erzählt Professor Dreiner. „Die Vorbereitungen beginnen bereits im Januar. Bei den ersten Treffen leiste ich ein wenig Hilfe, danach werden die Experimente durch das Studententeam mit Unterstützung unserer Techniker ausgearbeitet und geprobt.“

An der Show beteiligen sich etwa 15 bis 20 Studenten. Die Vorbereitungen laufen etwa ein halbes Jahr, wobei in den letzten zwei Wochen täglich geprobt wird. Jede Bewegung muss sitzen, damit bei den Experimenten keine Fehler unterlaufen.

Witze entstehen spontan auf der Bühne. „Leider wird immer wieder behauptet, wir Wissenschaftler seien langweilig. Einer meiner Studenten schrieb zum Beispiel eine wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Kernphysik, hat einen schwarzen Gürtel in Taekwondo, spielt im Orchester und spricht perfekt Französisch. Ein ausgezeichneter Kandidat für einen Ehemann“, sagt Professor Dreiner lächelnd.

Aus dem Labor auf Welttournee

Über 1.000 Zuschauer applaudierten an zwei Tagen den künstlerisch begabten Studenten. Davor gab es eine Sondervorstellung für die Schüler aus der Region. Vielleicht werden einige von ihnen, inspiriert durch die vielfältigen Experimente der Physik-Show, zu hervorragenden Physikern?

Die Universität Bonn ist gerne bereit, ihre Erfahrungen zu teilen. „Wir nehmen regelmäßig an der wissenschaftlichen Konferenz „EuroPhysicsFun“ teil – ein Treffen der Beteiligten an Physik-Shows aus Europa. Wir freuen uns sehr, dass unsere Erfahrungen von anderen Ländern übernommen werden, wie zum Beispiel von Finnland“, sagt Claudie Lütz, Studentin und Mitorganisatorin der Physik-Show an der Uni Bonn. Auch in Osteuropa wurde die Idee aufgegriffen. Im vergangenen Jahr fand die Konferenz in Charkow, Ukraine, statt, u.a. mit Vertretern aus Russland.

Die Physik-Show plant eine Tournee zu Bildungsstätten in Europa und China. Dafür bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft 50.000 €. Bis heute hat das Studententeam kaum Konkurrenz auf diesem Gebiet.

In den vergangenen Jahren fanden an der Leibniz-Universität Hannover regelmäßig Weihnachtsvorlesungen der Physik für die breite Öffentlichkeit statt. Zur Zeit ist die Initiative allerdings nicht aktiv. Auch die Studenten der Göttinger Universität wurden durch die Physik-Show der Uni Bonn inspiriert.

Dass die Vorstellungen in Bonn bei den Zuschauern sehr beliebt sind, zeigt der Gästebucheintrag auf der Website der Show: „Super! Der U15 fand es toll, der U40 will wieder studieren!“